Bericht

Fliegen auf La Réunion – Geschichten aus einem Fliegerleben

Stephan lebt bereits seit mehr als 20 Jahren auf La Réunion. Auf der Insel im Indischen Ozean hat er sich genau das Leben aufgebaut, das er sich immer gewünscht hat. Da er seine Geschichte am besten selbst erzählen kann, haben wir ihn für Euch als Gastautoren gewonnen. Viel Spaß bei der Lektüre!

Mein Weg nach La Réunion

Was mich auf die Insel verschlagen hat? Wie so oft im Leben war daran eine Frau „Schuld“. Ich bin 1987 aus Deutschland weggegangen, weil ich dort für mich keine Zukunft mehr gesehen hatte. Als ehemaliger Beamter noch einmal eine komplette Berufsausbildung anzufangen, um den einzigen auszuüben, der mir wirklich noch Spaß machen würde und um diesen dann selbständig ausüben zu dürfen, waren mir die damals notwendigen Jahre zu lang. Also hat es mich zuerst nach Südfrankreich, Cannes, verschlagen. Später dann arbeitete ich eine kleine Weile in Genua als Mechaniker auf Privatyachten. Danach trieb es mich nach Gibraltar, wo ich ebenfalls eine Zeit lang blieb – mit einem Zwischenstopp in Marokko. Da kam die Zeit, in der ich mich an eine junge Französin erinnerte, die ich schon aus Deutschland kannte. Sie lebte in Lille, Nordfrankreich, und da ich ihr anscheinend auch im Gedächtnis geblieben war, fuhr ich zu ihr und blieb die nächsten Jahre dort, gründete meine erste Autowerkstatt. Endlich konnte ich mir ohne diese dämlichen Meisterbriefschranken meinen Traum erfüllen. So schlecht war ich wohl nicht in diesem ungelernten Beruf, denn ich tue bis heute das gleiche. Nach der Trennung von meiner Freundin verliebte ich mich wie ein Schuljunge in meine Französischlehrerin. Ja, ich nahm nach zwei Jahren in Frankreich Abendkurse, um die Sprache endlich korrekt zu erlernen, und hab bei der Gelegenheit gleich mein Abitur nachgemacht. Sie wurde dann ein wenig später nach Réunion versetzt, wohin ich ihr sofort folgte. Ich habe mich auch hier nicht geirrt. Sie hielt es nur ein Jahr aus, während für mich ein anderer Traum in Erfüllung ging: die Tropen. Sie ging, ich blieb.

Hier auf La Réunion

Als kleines Zwischenspiel habe ich auf Réunion noch ein Jahr Jura studiert, was mir aber letztendlich dann doch nicht so sehr gefiel. Selbst nebenher konnte ich nicht umhin, in Autowerkstatten zu arbeiten. Mir wurde dann endgültig klar, dass ich definitiv der Schrauberei verfallen war. Ich habe also immer noch eine kleine Autowerkstatt, welche eigentlich ganz nett läuft, aber vor allen Dingen Riesenspaß macht.
Ich lebe jetzt seit etwas mehr als 20 Jahren auf Réunion und gedenke auch, hier zu bleiben. Ich bin seit 18 Jahren verheiratet und wir haben zwei Kinder, einen Sohn (9) und eine Tochter (14).
Mein Alter? Seit ein paar Tagen ein leidiges Thema. Ich bin am 11. September 50 Jahre geworden. Ich fühle mich wie 20, aber im Briefkasten finde ich jeden Morgen eine neue Aufforderung zu irgendeiner Vorsorgeuntersuchung. Verdammt, mir geht’s blendend!
Wir leben auf der Ostseite der Insel, weit weg von dem ganzen Touristentrubel der Westküste. Ich finde es hier noch schön authentisch und eben richtig kreolisch.

Wie ich zum Fliegen kam…

Dazu gekommen bin eigentlich schon mit 14, als ich eines Morgens aufstand und mir sagte: „Stephan, Du musst jetzt langsam anfangen, für Dich selbst zu sorgen, Du brauchst dringend Geld für ein Mofa!“. Also bin ich tagelang in allen Industriezonen Mannheims herumgestromert und fragte überall nach einem Job für nachmittags nach der Schule. Bis ich am Flughafen ankam. Dort sah ich dann ein giftgelbes Holzgebäude mit der Aufschrift: „Friebe Luftfahrtbedarf“. Da ich keine Chance auslassen wollte, bin ich da frech, aber ohne viel Hoffnung, hineingestiefelt und wurde dort auch gleich vom Chef, Herrn Friebe Senior, empfangen und in ein Kreuzverhör genommen:
„Wofür interessierst Du Dich? Wie sind Deine Schulnoten? (Ich glaub‘, ich hab da ein wenig geschwindelt…) Was machen Deine Eltern?“. Und nach ein paar Hinweisen, dass einem das Leben nichts schenkt, wenn man nichts dafür tut, gab er mir den Befehl, am nächsten Tag in Arbeitskleidung vorstellig zu werden. „Bekommst 2 Mark die Stunde, wenn Du fleißig bist…“. Tja, überglücklich fing ich dann an, wochenlang Eisenstangen für Windsäcke zu schneiden. Insgesamt blieb ich sieben Jahre bei der Firma und lernte dort unglaublich viel. Vater Friebe wurde tatsächlich eine sehr wichtige Person in meinem Leben. Ebenso wie seine Frau. Und eigentlich die ganze Familie.
Er brachte mir mit 15 auf den Taxiways das Autofahren bei. Mit 16 riss ich schon hemmungslos das Fahrwerk aus seiner Robin oder schraubte tagelang an seinem Motorsegler herum. Und, es muss erwähnt werden, ich baute eines der ersten Dreiachser-ULs zusammen. Ein Schweizer Modell, erinnere mich nicht mehr an den Namen. Ein furchtbarer Drahtverhau. Wie üblich kam Vater Friebe, der übrigens immer für Neuheiten zu haben war, eines Tages mit einer Kiste auf dem Hänger an und sagte mir nur: „Stephan, ab in die Halle damit und ich will Dich nicht sehen, bevor das Teil fertig dasteht…!“. „Äh, was ist das bitte?“, „Wirste schon merken“.
Wenn ich heute dran denke, welches Vertrauen dieser Mann in mich hatte… Eine gute Woche später stand das Teil dann auch tatsächlich fertig vor der Halle. Es war in den 70er Jahren alles noch so herrlich einfach auf diesem Flugplatz: Ich fuhr mit unserem VW Bus vor die Schranke, machte dem Türmer oben ein großes Zeichen, Schranke auf, Stephan rein, Schranke zu und dann musste man nur aufpassen, keine Flugzeuge zu rammen.
Vater Friebe hat mir mal abends auf der Landebahn gezeigt, dass man mit einem DAF 55 rückwärts genauso schnell fahren kann wie vorwärts. Ich sollte nur nichts seiner Frau davon erzählen… Aber zurück zum UL:
Er kam dann mit einer ganzen Horde alter Freunde an, meist ehemalige Luftwaffepiloten, um dieses neue fliegende Dingsda nicht nur zu bestaunen sondern natürlich auch auszuprobieren. Die haben sich bald geprügelt, wer zuerst durfte, ehrlich. Und ich leise von hinten: „Ähm, hallo, ich bin mir nicht sicher, ob das Ding fliegt, aber ich hab alles so gebaut, wie es auf dem DIN-A4 Blatt stand, ich schwör’s…“. Stirnrunzelnd und sehr beeindruckend standen diese ganzen ehrwürdigen Herren um mich herum: „Das werden wir ja jetzt sehen“. Einer stieg ein, ich riss den Motor an. Da wurde nicht lange gefackelt oder auf die Startbahn gefahren, nein, die schlossen noch eine Wette ab, ob er es schaffen würde, beim Start über die Werkshalle zu kommen oder nicht. Die Typen waren echt gut drauf. Der schob wirklich direkt vor der Halle das Gas rein, hebt ein paar Meter weiter ab und schafft es mit Ach und Krach über besagte Werkshalle, dreht rechts ab, macht einem Segelschüler, wie wir später vom dann doch etwas entrüsteten Türmer erfahren haben, eine Heidenangst, kommt zurück und genau über unserer kleinen Gruppe stottert der Motor, geht aus und wir hören ihn da oben schreien: „Und jetzt?“. Seine Kameraden wie aus einem Mund: „Landen!!“, was er auch tat…. Und alle drehten sich zu mir – mit strengem Stirnrunzeln.
Es waren wie gesagt herrliche Jahre für mich. Nach jeder Bastelei an seinen Fliegern musste ich mit einsteigen zum Probeflug. Meister Friebe war wohl der Ansicht, dass ich auf diese Weise noch gewissenhafter schrauben würde.
Nun ja, ich hätte wohl damals schon mit der Segelfliegerei anfangen können, aber die nötigen Baustunden wären auf Kosten der Zeit gegangen, die ich bei den Friebes verbringen konnte. Das war mir einfach wichtiger damals. Die Fliegerei hatte mich aber definitiv eingefangen.

Fliegen auf La Réunion

Es gilt genau das gleiche Flugrecht hier wie in Frankreich Festland. Kein Wunder, schließlich ist Réunion ein Département wie jedes andere – oder beinahe. Man braucht also ein Brevet de Pilote d’ULM, die französische Lizenz für Ultraleichtflugzeuge. Wie auch in Deutschland aufgeteilt in verschiedene Klassen wie z.B. dreiachsgesteuerte, gewichtskraftgesteuerte ULs, Motorschirme oder Hubschrauber.
Was die Sprachkenntnisse anbelangt, findet der Funk hier außerhalb der CTR ausschließlich auf Französisch statt. Jeder erzählt in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen seine Position, Höhe und Flugrichtung. Das nennt man Autoinformation. Klappt sehr gut. Wir haben eine CTR um den internationalen Flughafen von Saint-Denis, der „Hauptstadt“. Dort kann natürlich auch englisch gefunkt werden. Es gibt einen zweiten Flughafen im Süden der Insel bei Saint Pierre, welcher eine Sonderstellung einnimmt. Eigentlich ein unkontrollierter Platz mit AFIS, aber da auch hier Regionalflüge eintreffen und es Zoll mit allen dazugehörigen Kontrollen gibt, hat auch dieser Platz eine eigene Frequenz und man hört hier doch auf die Anweisungen des Flugleiters. Ist seit einigen Jahren auch besser so. So ein ATR ist doch schneller da als man glaubt. Alle anderen Plätze werden nach eigenem Ermessen angeflogen, wie sich das auch gehört. Drüberfliegen, Windsack angucken, entscheiden wie rum man landen will, am Funk Bescheid sagen, rausgucken und sich hinsetzen, fertig.

Chartermöglichkeit und Wetterphänomene

UL chartern geht prinzipiell bei den Professionellen in Saint-Denis oder im Westen und Süden. Allerdings stellt sich die Frage der Kaution und der Lizenz. Bis vor einiger Zeit wurden noch recht freizügig „Urlaubsäquivalenzen“ ausgestellt. Da ich das schon lange nicht mehr erfragt habe und das Personal bei der Luftfahrtbehörde zum Teil gewechselt hat, weiß ich nicht, ob dies noch so einfach gemacht wird.
Ein richtiges Charterbusiness für ausländische Piloten gibt es nicht. Und ohne mehrstündige Einweisung und Testflüge geht sowieso nichts. Es ist eben ein etwas spezielles Fliegen hier. Man startet auf Höhe des Meeresspiegels und ist ein paar Minuten später im Hochgebirge auf 9000 oder 10 000 ft, ich oft noch höher. Zwei Grad Richtungswechsel des Windes und die komplette Aerologie ändert sich augenblicklich in den Tälern. Es kann durchaus vorkommen, dass man bei wunderbar ruhigem Wetter über einen Bergkamm hinwegfliegt und gleich hintendran haut es einem die Nadel des Variometers unten aus dem Glas, und manchmal merkt man das nicht mal sofort. Oder man befindet sich ebenso plötzlich in einer Waschmaschine: Alles, was nicht fest ist im Cockpit klebt, ist an der Decke oder an der Seitentür. Genauso gut kann man aber wochenlang die herrlichsten, absolut ruhigen Flüge erleben und in 50 Metern Abstand an absolut atemberaubenden Berghängen entlangfliegen.

Besonderheiten

Ich fliege hier seit 15 Jahren und werde dieser Landschaft nie überdrüssig. Die Insel mag nicht sehr groß sein – ungefähr 230 Kilometer im Auto einmal außenherum – aber für mich ist sie gigantisch. Dann kommt noch dazu, dass wir eben praktisch landen dürfen, wo wir wollen und wo immer es nur machbar ist, sofern der Grundstückseigner damit einverstanden ist. Und das sind sie alle. Zumindest habe ich noch keinen getroffen, der nicht sofort begeistert „ja“ sagte. Daher sind wir hier eine gewisse Truppe an eingefleischten Wildfliegern, die in dieser Richtung jede Herausforderung annehmen. Ob es nun die Kartbahn bei Saint Anne ist, wo wir recht regelmäßig landen, die Maschinen beiseite parken, ein paar Runden Gokart brettern, gut essen und dann wieder von dannen fliegen oder unsere kleine Piste in den Bergen über Saint Joseph – was sage ich Piste – eher ein etwas steil ansteigender Grasstrip, selten gemäht und oft genug von Schafen bewohnt, wo wir manchmal über Nacht bleiben. Persönlich habe ich noch etliche andere Ecken, wo ich am liebsten mit meinem Sunny lande, mein Buch und ein kleines Fläschchen auspacke und es mir gut gehen lasse. Das ist eben für mich die Fliegerei.
Fliegen kann man hier eigentlich das ganze Jahr. Persönlich bevorzuge ich den hiesigen Sommer, also so von Oktober bis April etwa, was der Regenzeit entspricht. Das darf man aber hier nicht so wörtlich nehmen. Wenn auch nicht auszuschließen ist dass es mal zwei Wochen lang richtig regnet, ist dies doch eher selten der Fall. Es gibt eine Vielzahl von Mikroklimata, welche einem die meiste Zeit des Jahres die freie Wahl des Wetters lässt. Regnet es bei mir, kann im Nachbarort die Sonne scheinen. Weht der Wind an der Ostküste, herrscht oft Windstille im Westen oder umgekehrt. Etwa eine gute Stunde Autofahrt (oder drei wenn’s staut).
Der totale Autoüberschuss darf hier freilich nicht unerwähnt bleiben. Wenn man die Tageszeiten nicht genau kennt, zu denen man sich auf die Straßen trauen darf, kann es schon manchmal penibel werden. Deshalb fahre ich auch gern mit dem Motorrad zum Einkaufen oder nehme den Flieger, wenn ich von der anderen Seite der Insel Teile für meine Werkstatt brauche.

Fluglehrer, aber nur kurz

Vor ein paar Jahren machte ich meinen Fluglehrer, da wir dringend einen im Club brauchten, nachdem der einzige, den wir hatten, sich auf Mayotte niederließ. Das habe ich dann einige Zeit gemacht, aber letztendlich festgestellt, dass mir das doch nicht so toll Spaß macht. Ehrlich, wenn ich da am Wochenende mit einem Schüler am Platzrundendreschen war und zusehen musste, wie die Kumpels ab in die Berge sind, hatte ich doch mehr als einmal einen gewissen Hals. Außerdem liebe ich es wirklich, allein in meinem Flieger zu sitzen. Gerne mit ein paar Kameraden, aber jeder in seiner eigenen Maschine. Also hab ich meinen Fluglehrer verfallen lassen und bin in meinen Einsitzern am glücklichsten.

Fliegerische Erlebnisse

Solche Erlebnisse gibt es eigentlich haufenweise! Vielleicht meine „Crashkultur“? Ah oui, manche nennen mich gern das „Glücksamulett“, weil ich schon so oft auf die Schnauze gefallen bin und immer noch da bin. Nicht immer als Pilot, oft genug auch als Passagier (manchmal schlafend). Unter diesen Umständen könnte man mich freilich auch als unglücksbringender, schwarzer Kater bezeichnen. Auf jeden Fall wurde noch niemand dabei verletzt. Man sollte glauben, ich kann das Runterfallen besser als das Fliegen selbst.

Einmal, in einem X-Air, mit einem sehr erfahrenen Piloten am Knüppel, beschlossen wir, den frisch gewaschenen Flieger trocken zu fliegen. So richtig durchgetränktes Tuch ist schon was. Auf jeden Fall starten wir sauber raus, fliegen ein paar Runden und dann fiel ihm ein, dass er pinkeln muss. Also schnell wieder runter, Anflug wie üblich mit 70, aber immer noch nass. Zwei normal gebaute Kerle und ein voller Tank gaben dann der Physik beim Aufsetzen recht: Zu schwer. Eigentlich habe ich gar nicht so sehr viel gespürt. Außer, dass wir wesentlich tiefer saßen als gewöhnlich und dieses Rauschen unterm Rumpf. Dann sah ich, wie mein Kamerad wie wild an der Bremse pumpte, worauf ich nach hinten raus sah und am Pistenanfang zwei Fahrwerksbeine samt Rädern im Gras stecken sah. Wir immer noch am Schlittern, er immer noch am Pumpen und ich am Lachen ohne Ende (Ist einer meiner großen Fehler. Ich lache immer furchtbar beim auf die Schnauze fallen – nervt alle unendlich): „Du kannst jetzt aufhören zu pumpen, die Bremsen sind 100 Meter hinter uns…“ – und ab ins Zuckerrohr.

Oder ein anderes Mal, als mir 5 km vor der Piste der Sprit ausging weil die Leitung von meinem Sichtrohr am Tank abgeplatzt war und ich es nicht bemerkt hatte. Einer meiner Sunnys dieses Mal. Motor stottert, stottert, aus – und unter mir nur Zuckerrohr. Hektarweise Zuckerrohr. Was soll’s? Hintern zusammenkneifen und rein ins grüne Meer. Zuckerrohr ist hoch, kurz vor der Ernte, verdammt hoch. Sofortiger Orientierungsverlust ist unweigerlich die Folge da drin. Nach etwas Grübeln baure ich also meinen Kompass aus (den hab ich danach gleich verkauft, nur unnützes Gewicht auf der Insel. Wer sich hier verfliegt, hat mehr als 4 Promille im Blut) und finde nach einiger Zeit endlich den Weg heraus. Ich erspare die Schilderung, bis wir die Maschine da wiedergefunden hatten und wie wir sie vor allem da wieder rausbekamen.

Oder ein anderer Kamerad, der eigentlich nie, nicht und nimmer seinen Flieger herleiht. Aber an diesem Samstagnachmittag war er großzügiger Laune und ich durfte mir seine geschniegelten Sunny mit Hirth F30 ausleihen. Super, an diesem Tag hatte ich eh schon so ziemlich alle ULs aus dem Club ausprobiert (Kommt bei uns ab und zu mal vor, dass wir wild die Dinger austauschen). Also ab, vor Sunset wollte ich nochmal auf 10 0000 hoch. Es wurden dann knapp 300. Gerade war die Piste unter mir weg und ich legte mich zufrieden grinsend auf den Propeller, um dem Firmament entgegenzuschießen. Plötzlich ein furchtbarer Schlag hinter mir, ein Gerappel und Gehuste und eine Sekunde später nur noch des Windes Rauschen. Sch…. schon wieder Zuckerrohr. Nun hatte ich ja schon einige Übung im Crashen und komischerweise nur eine Sache im Kopf: Nicht wieder weit laufen zu müssen. Den Sunny kann man ja nun so wunderbar in den Sackflug überziehen, dass er allein so mit etwa 3m/sec wie ein welkes Blatt herabschwebt. In diesem Zustand klebte ich ihn dann direkt neben einem Feldweg nicht ins, sondern gegen das Zuckerrohr. Als ob man in ein Fass Fett fällt. Resultat: eine Kurbelwelle in der Mitte zerrissen, ein Hauptrohr angeknickt, eine Woche Arbeit.

Wieder ein anderes Mal, hier mit meiner Savannah auf dem Rückflug aus den Bergen, stelle ich so auf 5000 ft den Motor ab, wie des Öfteren und segele zurück. Tausendmal gemacht. Da ich dieses Mal aber eine Fliegerkameradin dabei hatte, wollte ich dann doch so im kurzen Final vorsichtshalber wieder den Motor starten. Jahrelang sprang der Kerl immer auf halber Umdrehung an. Ausnahmslos. Natürlich dieses Mal nicht. Einen Augenblick zu lange herumprobiert, bis ich merke, dass mir ein leichter Gegenwind in Bodennähe schneller die Höhe nahm, als mir recht war. Zudem saß ich noch rechts ohne leichten Zugriff auf die Flaps. Tja und dann war er auch schon da, der Wald. Habe noch zwischen zwei Bäume gezielt in der Hoffnung, drauf liegen zu bleiben. Ich kam dann aber doch noch zwischen den beiden sauber durch. Allerdings ohne die Flügel. So schnell kann man Mist bauen.

Meine Verbindung mit der Insel

Mich verbindet eigentlich absolut alles mit der Insel. Ich bin mir sicher, dass es für mich ein Unfall des Schicksals war, in Deutschland geboren zu sein. Ich fühle mich weit mehr Franzose als Deutscher. Nicht nur weil ich den Großteil meines Lebens in diesem Land verbracht habe. Einfach weil mir diese ganze Mentalität weit mehr liegt, als die deutsche. Das Leben wird weniger ernst genommen, Gesetze und Regelungen gibt es zuhauf, aber angewendet werden sie sehr human und der Franzose wird sich nie scheuen, wenn nötig den Staat zum Teufel zu scheren. Ich denke nur an die geplante Universitätsreform Ende der 80er Jahre oder die Reform der Arbeitsverträge vor ein paar Jahren. Einfach herrlich. Das Volk will es nicht, die Regierung stellt sich anfangs stur bis die Republik brennt. Dann wird wieder alles zurückgenommen. Finde ich super! Könnte ich noch viele Beispiele aufzählen. Eine mir sehr angenehme Art der Demokratie.
Die Kreolen sind für mich eines der angenehmsten Völker die kennengelernt habe, ein außerordentliches Zusammenleben der verschiedensten Kulturen und Religionen. Das Klima natürlich und nicht zuletzt diese unglaubliche Natur, seit kurzem Weltkulturerbe. Es ist der vielseitigste Ort, den ich mir auf der Erde vorstellen kann. Man kann hier so ziemlich alles erleben, wen man will. Wir nennen unsere Insel stolz „Ile Intense“. Nicht zu unrecht. Sie ist nicht ungefährlich. Man kann auf vielerlei Arten umkommen…: Steinschlag, Haie, Zyklone, Überschwemmungen, haushohe Wellen, mit Stephan fliegen. All dies und mehr ruft uns immer wieder in den Sinn, dass die Natur letztendlich immer gewinnt. Ohne Ausnahme. Es heißt also, sein Leben und Wirken danach zu richten. Gewisse Regeln beachten, welche nicht vom Menschen stammen, sondern welche uns die Natur auferlegt, sofern wir überleben wollen. Ohne all dies möchte und könnte ich nicht mehr leben.
Ihr habt mich gefragt, ob ich je wieder nach Deutschland zurück möchte. Die Antwort ist ein klares „Nein“. Eher Madagaskar oder Botswana oder… Ach nein, mein wahres Paradies ist ohne Zögern Réunion.

Meine Zukunft

Pläne für die Zukunft habe ich viele. Zu viele. Ich habe letztens meiner Mutter den Wunsch vorgetragen, mich doch bitte noch einmal zu machen. Mein Leben ist zu kurz.
Die Fliegerei ist seit kurzer Zeit zeitlich in den Hintergrund getreten. Sehr provisorisch natürlich. Ich bin dabei, auf einem angemieteten Acker meine eigene kleine Piste (260 x 23 m) zu bauen. Das nimmt im Augenblick all meine Freizeit in Anspruch, da ich wie immer alles selber mache.
Dann würde ich gern dazu beitragen vom Autoverkehr auf der Insel abzukommen. Mir schweben da Elektrofahrzeuge vor. Wir könnten mit den uns auf Insel zur Verfügung stehenden Mitteln und Ressourcen innerhalb kürzester Zeit komplett energieautonom werden. Wir haben einfach alles dafür. Hydroenergie, Erdwärme, den Ozean, die Sonne, den Wind. Es ist nur eine Frage des Willens und vieler Blockaden, oft durch europäisches Recht.
Ich bin ein erklärter Feind des Zuckerrohranbaus, nur durch Europazuschüsse überlebensfähig, Monokultur, welche die eh schon rare Erde aushungert. Wir könnten trotz unserer 800.000 Einwohner nahezu autark sein, was die Lebensmittelversorgung anbelangt. Hier engagiere ich mich für die Verbreitung der Aquaponie, ein Symbiosesystem zwischen Fisch- und Gemüsezucht. Man kann damit wahre Ernährungswunder leisten. Mein Gott ist hier Murray Hallam aus Australien. Viel von ihm auf YouTube zu sehen, für diejenigen, die es interessiert. Ich plane, das in größerem Stil neben meiner UL-Piste aufzuziehen.

Idealist

Seit meinem letzten Motorradtrip durch Madagaskar helfe ich in kleinem Rahmen einer kleinen NGO, die Straßenkindern Schule und Ausbildung in Antsirabe bietet. Es nimmt mich doch etwas mit, dass es kaum eine Flugstunde weit weg von der hiesigen Opulenz ein im Grunde wahnsinnig reiches Land gibt, welches es nicht schafft, seiner Bevölkerung ein würdiges Leben zu bieten. Ich bin eben doch etwas zu sehr Idealist in gewissen Dingen.

Weitere Informationen über die Insel findet Ihr auf www.reunion.fr/de. Und wer sich einmal mit Stephan in die Lüfte über Réunion erheben will, kann uns gern eine Mail schreiben. Wir werden dann den Kontakt vermitteln.

Über den Autor

ULMagazin

ULMagazin ist ein junges und modernes Onlinemagazin, das sich dem Bereich der Ultraleichtfliegerei widmet. Das Ultraleichtfliegen hat viel zu bieten. So gilt unsere Aufmerksamkeit allen Formen der ULs: Fußstart, Motorschirm, Dreiachs, Tragschrauber, Gleitschirm uvm.

5 Kommentare

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  • la Reunion…. als Kiter und Hobby Flieger ein Begriff.
    Der Bericht traumhaft. Wuerde gerne mit Stephan kontakt aufnehmen… Als Deutscher nun seit 37 Jahren in Spanien…. da kommen Paralelen auf…

    Liebe Gruesse

    Ralf

    00 34 607 30 87 92

    • Hallo Ralf,

      danke für Deinen Kommentar. Wir haben Dir eine E-Mail mit allen Daten geschickt 🙂

      Viele Grüße und viel Spaß
      Markus vom ULMagazin

  • Hallo Markus,
    ist es eigentlich möglich auf Reunion neben Ultra-Light auch Echo-Klasse oder TMG zu fliegen und
    gibt es diesbezüglich Chartermöglichkeiten auf Reunion ?
    BG,
    Markus

    • Hallo Markus, es gibt auch Echo-Flieger in Clubs hier. Wie die das mit der Verchartere an Touristen handhaben kann ich Dir nicht sagen. Am besten mal direkt beim Aero-Club Roland Garros in Saint Denis anfragen. Tel. 00262 262 534585. TMG dürfte es hier nicht geben.
      Gruss Stephan

  • Schöner Bericht. Lässt mich Stephan besser verstehen, der ja häufig im UL-Forum schreibt. Ein interessantes Leben, voller Wenden, aber im Nachhinein gesehen eigentlich ziemlich zielgerichtet. Respekt.

    Was mich aber am meisten beeindruckt ist seine Freude am Leben die durch die Zeilen blitzt. Und der verständliche Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung. Bei uns gilt eher der Satz „alles was Spass bringt macht entweder dick oder ist verboten“ ….. smile

    Gerd (edhs)

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